Was sucht Rotkäppchen im Schrank?
Regisseur Terry Gilliam
(tsch) Vor langer, langer Zeit alberte er auf höchst britische Art mit seinen Kumpanen der Comedy-Formation "Monty Python" auf den Bildschirmen herum, so als gäbe es auf der Welt kein Leid: Millionen hat er so zum Lachen gebracht. Heute ist Terry Gilliam ein scharfzüngiger Analytiker der politischen Weltsituation. Dabei verbindet den 64-Jährigen einiges mit den Gebrüdern Grimm - vor allem sein Hang zum Märchenhaften. Das Märchen als Transportmittel für Gesellschaftskritik funktionierte schon meisterhaft in seinen erfolgreichsten Filmen "Brazil" und "12 Monkeys": moderne Märchen mit kritischen Anspielungen auf das Establishment und die Gesellschaft. Sein neuer Film "Brothers Grimm" zeigt die Märchenerzähler in einem neuen, humorvollen Licht: Heath Ledger und Matt Dillon spielen Jakob und Wilhelm, die sich den Aberglauben der Leute im 19. Jahrhundert etwas kosten lassen. Gemeinsam betätigen sie sich als frühneuzeitliche Geisterjäger. Im Interview spricht Terry Gilliam über den tieferen Sinn seines eigenwilligen Biopics, seine chronischen Probleme mit Hollywood und die grassierende Kinokrise.
teleschau: Um Ihren Film ranken sich schon jetzt Legenden. In einer davon geht es um Matt Damons Nase...
Terry Gilliam: Das war ein Kompromiss, den ich eingehen musste, aber mit dem ich nur schwer leben kann.
teleschau: Worum genau ging es?
Gilliam: Das Studio drohte mir, alles zu stoppen, wenn ich die Beule, die ich ihm aufgesetzt hatte, nicht wieder von seiner Nase nehmen würde. So kann's laufen. Dumm nur, dass ich eine Obsession zu Matts Nase entwickelt habe: Er hat solch ein markantes, starkes Gesicht, aber seine Nase ist zierlich. Sein Charakter hätte sehr viel mehr Stärke vertragen. Diese Beule sollte helfen - und tatsächlich: Als wir sie auf seine Nase setzten, änderte sich sein Profil, und er schritt wie ein junger Marlon Brando umher. Das gab ihm Selbstvertrauen. Aber meine alten Freunde, die Produzenten Harry und Bob Weinstein von Miramax, wollten, dass Matt und Heath genauso aussehen wie in allen ihrer anderen Filme. Da habe ich viele Nerven lassen müssen. Jetzt sehe ich es so: Jeder, der den Film mag, ist mein Freund. Und die Weinsteins mögen ihn ja nun auch.
teleschau: "Brothers Grimm" erscheint teilweise als Ritterparodie mit Helden, die zwar nicht in Strumpfhosen, aber mit selbst zusammengeflickten Blechrüstungen in den Kampf gegen das Unbesiegbare ziehen. Was hat das mit den Gebrüdern Grimm zu tun?
Gilliam: Für mich war es interessant, eben diese beiden unterschiedlichen Charaktere zu vereinen - der eine Pragmatiker, der andere ein Träumer - und zu schauen, wie sie miteinander zurechtkommen. All das war für mich wie mein inneres Seelenleben: Einerseits bin ich ein Fantast, andererseits muss ich auch mit beiden Füßen auf dem Boden stehen, um mit der realen Welt und vor allem mit Hollywood umgehen zu können. Die Hälfte aller Kämpfe, die ich in meinem Inneren austrage, sind auf der Leinwand zu sehen.
teleschau: Sie scheinen ein Märchenliebhaber zu sein. Schließlich drehten Sie auch schon einen Film über den Baron Münchhausen.
Gilliam: "Timebandits", "Baron Münchhausen" und "Brothers Grimm" sind irgendwie alle ähnlich, weil sie versuchen, ein breites Publikum zu erreichen - von Kindern bis zu Erwachsenen. Sie drehen sich um Fantasie, Zauberei und um die Welt von Kindern. Deswegen denke ich, dass diese drei Filme anders sind als meine anderen, die sich ausschließlich an ein reiferes Publikum richteten.
teleschau: Was ist so faszinierend an der deutschen Märchentradition?
Gilliam: Die Grimms und Münchhausen habe ich im Grunde gar nicht im Zusammenhang gesehen, bis ich für das Interview hier nach Europa aufgebrochen bin. Ich wuchs aber mit den Grimm-Märchen auf. Münchhausen habe ich erst später entdeckt. Aber mich fasziniert die deutsche Romantik ohnehin schon seit langem. Im Vergleich zu französischen Versionen der Märchen sind die deutschen der Grimms sehr viel düsterer, geheimnisvoller, aber auch ursprünglicher. Es scheint mir die Anziehungskraft der germanischen-isländischen Mythologie zu sein. Und es hat einen gefährlichen, einen Furcht einflößenden Beigeschmack. Die Intensität dieser Geschichten ist etwas ganz Besonderes.
teleschau: Worauf legten Sie also in diesem Fall besonderen Wert?
Gilliam: Ich glaube, dass ich die Gebrüder Grimm im Film schon sehr gut getroffen habe. Die französische Kultur versuchte sich Anfang des 19. Jahrhunderts der deutschen zu bemächtigen. Und die Grimms wollten dem entgegenwirken. Um das deutsche Kulturgut zu sichern, schrieben sie die Märchen auf und entwickelten sogar ein erstes Wörterbuch. Sie waren wichtige Figuren in der deutschen Geschichte.
teleschau: Und wie ist Ihr persönlicher Bezug dazu?
Gilliam: Der Film ist eine Art Rachefeldzug gegen die beiden, weil sie mit ihren Märchen verhinderten, dass ich erwachsen werden konnte. Jeder Film von mir ist daher auf seine Art ein Märchen.
teleschau: Wie darf man das verstehen?
Gilliam: Ich bin gefangen in der erzählerischen Märchenstruktur. Ich finde es tragisch, dass wir all diese Märchen zu vergessen scheinen, obwohl sie doch so fundamental für unser Weltbild und unsere Entwicklung sind. Niemand liest Grimms Märchen heutzutage mehr, sondern nur noch neue Versionen. Doch die haben die originäre Bedeutung verloren. Als meine Tochter noch sehr jung war, fand ich ein Buch in ihrem Zimmer, das zu der Zeit sehr populär bei kleinen Kindern war. Es war einfach nur lächerlich: Der Wolf fraß nicht die Großmutter, nicht das Rotkäppchen, sondern sie versteckten sich im Schrank. Auch der Jäger kam nicht zur Rettung geeilt und schnitt dem Wolf den Bauch auf. Sondern es war ihr Daddy, der nach Hause kam und den bösen Wolf vertrieb. So was hat doch keine Aussagekraft mehr!
teleschau: Was bringt Sie dazu, trotz all Ihrer Schwierigkeiten den Job als Regisseur nicht hinzuwerfen?
Gilliam: Es geht um das Kind im Manne - wie in den Märchen: um das Kind-sein. Als Kind konnte ich alles sein, was ich wollte, konnte mich in Personen, Dinge, in andere Welten hineinversetzen. Doch mit dem Alter kommt die Rationalität. Das Leben schließt dich immer mehr ein und beschränkt dein Denken, deine Gefühle. Wir - und ich besonders - zerbrechen uns viel zu oft den Kopf darüber, was möglich, was genehm ist. Mein Leben hat mich aber gelehrt - dafür habe ich durch zu viel Dreck kriechen müssen - dass ich diese Grenzen hin und wieder durchbrechen kann. Als Regisseur kann ich das perfekt.
teleschau: Sicherlich hoffen Sie auf einen Kassenerfolg Ihres Films. Doch die Zeichen stehen nicht gut: Viele vermeintlich viel versprechende Filme floppten zuletzt.
Gilliam: Das liegt daran, dass die Studios immer weniger Interesse zeigen, dafür aber immer bürokratischer werden. Und es wird immer schwieriger, das Publikum dazu zu bringen, sich wirklich auf einen Film einzulassen. Aber es war ein interessanter Sommer in Hollywood: Einige der großen Blockbuster haben spektakuläre Bruchlandungen hingelegt. Vielleicht wehren sich die Menschen endlich, weil sie sich betrogen fühlen. Wenn man sich die Trailer der letzten zehn Jahre anschaut, dann lässt sich ein steigendes Maß an Manipulation feststellen: Die Leute werden angefüttert und sind nachher vom Film enttäuscht. So kann man nicht gewinnen.
Leif Kramp |  Regisseur Terry Gilliam und die Erinnerung an die eigene Kindheit: Nun drehte er "Brothers Grimm". (Foto: Concorde Film)
 Gemeinsam mit Hauptdarstellern Heath Ledger (Mitte) und Matt Damon (rechts) drehte Regisseur Terry Gilliam "Brothers Grimm". (Foto: Concorde Film)
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