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Pinero mit Benjamin Bratt

Pinero; USA 2001; 103 Minuten; Regie: Leon Ichaso;
Darsteller: Benjamin Bratt, Talisa Soto, Rita Moreno, Giancarlo Esposito

Die Sensation in diesem Film ist eine Kunstform, mit der die meisten Menschen wenig anfangen können: das Gedicht. Aber so wie Benjamin Bratt, bekannt geworden als Lover von Julia Roberts, die Reime von Miguel Pinero rezitiert, hat das mit ödem Reime runterrattern nichts mehr zu tun.

Spoken Poetry nennen das die Fachleute, im Grunde ist es eine Frühform des Rap. Doch der Film ist nicht nur wegen der Gedichte sehenswert: Er ist formal bestechend, weil er den Rhythmus und die Dynamik der Texte aufnimmt. Und er zeigt, was selbst kaum bekannte US-Schauspieler wie Benjamin Bratt, Talisa Soto und Rita Moreno (ja, die aus „Westside Story“) drauf haben, wenn sie mal gefordert werden.

Miguel Pinero, geboren 1946 in Puerto Rico und aufgewachsen in New York, verkörperte das Schicksal vieler Lateinamerikaner in den USA: Er kam aus sehr armen Verhältnissen und fühlte sich weder in Amerika noch in seiner Heimat zu Hause. Schon als Jugendlicher landete er oft im Knast, wo er durch sein sprachliches Talent auffiel. Die erschreckenden Erfahrungen im Gefängnis wurden zum Thema seines berühmtesten Theaterstücks „Short eyes“, das 1974 für sechs Tony Awards nominiert wurde. Trotz seines Erfolgs und der Anerkennung der New Yorker Intellektuellen-Szene blieb Pinero ein Außenseiter in den Künstlerkreisen und schien sich auf der Strasse besser zurechtzufinden als in seiner neuen Rolle des beliebten exotischen Dichters. Er blieb der Dieb, der Junkie, der Alkoholiker, der über die Strassen des New Yorker Slums Lower East Side immer auf der Suche nach dem nächsten Fix schlendert. Davon ist auch seine Dichtung geprägt: Sie erzählt von einer schweren Kindheit in einer kaputten Familie und auf dem Straßenstrich, von Gewalt, die zum Alltag geworden ist, von den namenlosen Helden der Strasse.

Leon Ichasos Film erzählt Pineros Geschichte in sehr bewegten Bildern: Es ist ein Hin-und-Her zwischen Theaterproben, Drogenexzessen mit skurrilen Nachtgestalten, Liebesglück mit seiner Freundin Sugar (sehr überzeugend gespielt von Talisa Soto) und Momenten der absoluten Verzweiflung. Schwarz-Weiß-Abschnitte verleihen dem Film einen dokumentarischen Charakter: Bloß zeigend, nicht wertend nähern sie sich dieser exzentrischen Figur. Man sieht Pinero auf der Bühne des von ihm und seinen Freunden gegründeten Nuyorican Poets Cafe (zusammengesetzt aus New York und Puerto Rican), seine Gedichte beinahe einer Predigt gleich rezitierend, man sieht ihn den New York Critics Circle Award abräumen und sich selbst feiern, und plötzlich wechseln die Bilder: Pinero liegt zugedröhnt an einer verwüsteten U-Bahn-Station.

Dieser dynamische Bildwechsel ist jedoch keineswegs wirr oder übertrieben, wie es etwa beim durchaus misslungenen Biopic „The Doors“ von Oliver Stone der Fall ist, in dem man nichts Interessantes über die Figur Jim Morrison erfährt: Einen ganzen Film lang ist Morrison entweder high oder besoffen und lallt wirren, nur vermeintlich hochintellektuellen, Schwachsinn vor sich hin.

Im Laufe dieses Films jedoch beginnt man Miguel Pineros Welt zu verstehen, obwohl sie den meisten Zuschauern vollkommen fremd ist. Seine Figur fasziniert mit ihrer Härte, mit ihrem kompromisslosen selbstzerstörerischen Drang und ist gleichzeitig poetisch und visionär. Ein moderner Held eben.

Die Dynamik des Films lässt bis zur Schlussszene nicht nach, in der die Asche des Dichters über die Strassen des von ihm über alles geliebten New Yorker Viertels verstreut wird: Pineros letzter Wunsch, den man seinem „Lower East Side Poem“ entnehmen kann:

so please when I die…
don`t take me far away
keep me near by
take my ashes and scatter them thru out
the Lower East Side…

Vanya Müller

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